Lokalisierung als Förderansatz

Der Begriff der Lokalisierung stammt ursprünglich aus der humanitären Hilfe. Die Somaha Stiftung versteht darunter die Stärkung von Organisationen vor Ort durch Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Dieser Ansatz ist in allen drei Themen der Stiftung relevant, d.h. bei ihrer Unterstützung von Menschen in Not, bei ihrem Einsatz für eine offene und vielfältige Gesellschaft sowie bei ihrem Engagement für den Schutz der Natur vor Ausbeutung und Zerstörung.

Lokalisierungsansatz der Somaha Stiftung

Ein wichtiger Wert der Somaha Stiftung ist die Nachhaltigkeit. Die Stiftung ist überzeugt, dass nur starke, unabhängige und selbstbestimmte Organisationen vor Ort ökonomisch nachhaltig tätig sein können. Um viel zu bewirken, setzt sich die Somaha Stiftung deshalb für starke lokale Organisationen ein. Insofern ist Lokalisierung für die Somaha Stiftung ein Ansatz zur Maximierung ihrer Wirkung im Sinn des Stiftungszwecks.

Die Somaha Stiftung unterstützt ihre Förderpartner bei der Stärkung derer lokaler Partner. Dabei ist Lokalisierung ein Prozess. Der Grad der Lokalisierung ist Ausdruck des Fortschritts in diesem Prozess. Insofern ist die Lokalisierung Ausdruck des Stands und der Art der Zusammenarbeit von internationalen Nichtregierungsorganisationen (INGOs) mit Organisationen vor Ort (Lokalen Oranisationen, LOs). Die nachfolgende Tabelle zeigt das Spektrum möglicher Ausprägungen der Lokalisierung.

Die vier Ebenen der Lokalisierung

Das Somaha Lokalisierungsmodell beschreibt Lokalisierung auf vier Ebenen:

A. Kapazität der LO

Fachkompetenzen, Strategie, Struktur, Prozesse und Ressourcen

B. Partnerschaft zwischen INGO und LO

Führung, Entscheidfindung, Qualitätssicherung, Kommunikation, Finanzierung von Kernfunktionen, Transparenz und Fundraising

C. Transformation der INGO

Strategie, Direktfinanzierung, Struktur, Kultur, Führung und Risikoteilung

D. Rahmenbedingungen

Rechtsstaatlichkeit, politische Stabilität, zivilgesellschaftlicher Raum, wirtschaftliche Stabilität und Interessenvertretung

Die fünf Grade der Lokalisierung

Der Grad der Lokalisierung wird im Somaha Lokalisierungsmodell in fünf Ausprägungen dargestellt. Er kann zwischen den einzelnen Ebenen variieren:

Keine → Begrenzte → Partielle → Fortgeschrittene → Vollständige Lokalisierung

SOM-26-Lokalisierungstabelle-de

LO: Lokale Organisationen, INGO: Internationale Nichtregierungsorganisationen

Die vier Ebenen im Lokalisierungsmodell

Das Somaha Lokalisierungsmodell beschreibt Lokalisierung auf vier Ebenen:

A. Lokale Organisationskapazität

Die erste Ebene betrifft die Kapazität, d.h. die organisatorische Stärke, einer LO. Dabei geht es um Fachkompetenzen, Strategie und Struktur. Darüber hinaus wird erhoben, ob Prozesse standardisiert sind und systematisch weiterentwickelt werden. Zudem werden die Arbeitsbedingungen für das Personal beleuchtet, einschliesslich Schutzmassnahmen sowie Entwicklungsmöglich-keiten. Ein weiterer Aspekt sind die Finanzen, insbesondere die Diversifizierung der Einnahmequellen und die Höhe der Reserven. Ebenfalls wird abgebildet, inwiefern die LO den Einbezug lokaler Gemeinschaften in die Projektgestaltung und           -umsetzung fördert und wie die Governance aufgestellt ist. Schliesslich geht es um die Verlässlichkeit interner Kontrollmechanismen.

B. Partnerschaft zwischen INGO und LO

Die zweite Ebene betrifft die Qualität der Zusammenarbeit zwischen INGO und LO. Im Zentrum steht, wie das Partnerschafts-modell und die Führungsrollen definiert sind und inwiefern die lokale Organisation in Entscheidfindung sowie in das Projektmanagement und in die Mittelverwendung einbezogen wird. Ebenso wichtig ist die Vereinbarung, welche die Zusammenarbeit regelt, insbesondere hinsichtlich der Dauer der Partnerschaft, der Qualitätssicherung und der Kommunikation nach aussen. Betrachtet wird zudem, inwiefern Kapazitäten gegenseitig evaluiert werden und ob die Massnahmen zur Kapazitätsentwicklung den Bedürfnissen der LO entsprechen. Hinzu kommt, ob Budgets angemessen verteilt sind und Kernfunktionen ausreichend finanziert werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Transparenz bezüglich Budgets. Schliesslich geht es um die gemeinsame Ressourcenmobilisierung (Fundraising).

C. Transformation der INGO

Die dritte Ebene zeigt, inwiefern interne Prozesse und Strukturen einer INGO ausgestaltet sind, um LOs nachhaltig zu stärken. Verschiebungen in der Rollenteilung erfordern eine umfassende Organisationsentwicklung seitens INGO – von der Strategie und Finanzierung bis hin zur Governance. Im Fokus steht, inwiefern die Strategie der INGO messbare Ziele für interne Veränderungsprozesse enthält und auf die Stärkung von LOs ausgerichtet ist. Betrachtet werden zudem die Art und der Umfang der Direktfinanzierung von LOs und die Struktur der INGO. Zudem wird abgebildet, wie die INGO Machtverhältnisse, Legitimität und Vertrauensbildung reflektiert und in welchem Ausmass sie Kultur, Normen und Wissen von LOs wertschätzt und diese in der Projektplanung und -umsetzung berücksichtigt. Ob lokale Perspektiven für die INGO eine zentrale Rolle spielen, hängt auch von der Zusammensetzung und Rolle der obersten Führung ab. Schliesslich ist die Risikoteilung zwischen INGO und LO relevant.

Die Somaha Stiftung begleitet ihre Partner insbesondere in der Transformation – im Wissen, dass der Prozess je nach Kontext und Rahmenbedingungen unterschiedlich verläuft.

D. Rahmenbedingungen

Die vierte Ebene beschreibt die institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Je günstiger diese Bedingungen sind, desto stärker können LOs werden. Dazu wird erhoben, inwiefern Gesetze und Rechtsinstitutionen die Grundrechte schützen (Rechtsstaatlichkeit), wie stabil und berechenbar das politische Umfeld des Landes ist (politische Stabilität), wie frei sich zivilgesellschaftliche Organisationen äussern und an politischen Prozessen teilnehmen können (zivilgesellschaftlicher Raum) und wie stabil und voraussehbar die lokale Wirtschaft ist (ökonomische Stabilität). Für die Weiterentwicklung dieser Rahmenbedingungen ist auch relevant, in welchem Ausmass lokale Organisationen Zugang zu Advocacy- und Repräsentationsräumen haben.

Die fünf Lokalisierungsgrade

Auf der Ebene der lokalen Organisationskapazität orientiert sich das Lokalisierungsmodell an der Logik eines Reifegradmodells. In dessen Kontext wird der Entwicklungsstand von Organisationen und Prozessen auf der Grundlage verschiedener Kriterien beschrieben und in einem Spektrum zwischen «unsystematisch» und «optimiert» eingeordnet. Das Somaha Lokalisierungsmodell wendet ein analoges Spektrum auf allen Ebenen an, das von «keiner Lokalisierung» bis hin zu «vollständiger Lokalisierung» reicht. Damit wird der Stand der Lokalisierung bzw. der Fortschritt von deren Prozess abgebildet. Dieser kann auf den verschiedenen Ebenen unterschiedlich entwickelt sein. Beispielsweise können die Rahmenbedingungen der Entwicklung von LOs zwar förderlich sein, eine Partnerschaft auf Augenhöhe ist aber aufgrund eines stark asymmetrischen Kräfteverhältnisses mit INGOs nur begrenzt möglich. Umgekehrt ist es denkbar, dass auf der Ebene der Organisationen alle Voraussetzungen für deren Entwicklung gegeben sind, die Rahmenbedingungen dieser aber entgegenstehen.

Somaha Lokalisierungs-Assessment

Auf der Grundlage des Lokalisierungsmodells und im Austausch mit INGOs und LOs hat die Stiftung das Somaha Lokalisierungs-Assessment mit messbaren Indikatoren entwickelt. Dieses erlaubt eine Standortbestimmung bezüglich des Verhältnisses zwischen INGOs und LOs im Hinblick auf die Lokalisierung. Daraus kann das Entwicklungspotenziel mit kurz- und längerfristigen Ziele abgeleitet und ein konkreter Veränderungsprozess angestossen, geplant und umgesetzt werden.

Das Lokalisierungs-Assessment umfasst 31 Indikatoren auf den vier Ebenen des Lokalisierungsmodells. Die nachfolgenden Abbildungen zeigen ein beispielhaftes Resultat eines Assessments.

SOM-26-Lokalisierungs-Assessment-de

^ Abbildung: Beispiel für die graphische Auswertung eines Assessment

Die Somaha Stiftung ist zwar überzeugt, dass eine stärkere Lokalisierung grundsätzlich wünschbar ist. Allerdings ist je nach Situation nicht in jedem Fall auf jeder Ebene ein höherer Lokalisierungsgrad anzustreben. Dies zeigt sich exemplarisch auf der Ebene der lokalen Organisationskapazität: Die verwendeten Kriterien sind zwar gute Indikatoren für die Stärke einer LO. Allerdings können sie zusätzlich zur Lokalisierung auch die Grösse bzw. den Grad der Formalisierung einer Organisation abbilden. Sie sind deshalb unscharf. Auch kleine oder informell organisierte LO können effektiv sein. Insofern sind die Ergebnisse eines Assessments immer zurückhaltend und unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontexts zu interpretieren.

Mögliche Anwendungsfelder für das Assessment

Die Somaha Stiftung nutzt ihr Lokalisierungsmodell und -assessment, um gemeinsam mit ihren Förderpartnern, typischerweise INGOs, eine Standortbestimmung vorzunehmen und strukturiert über mögliche Entwicklungsschritte zu sprechen. Dies bildet eine solide Grundlage für die Festlegung kurz- und langfristiger Ziele sowie gegebenenfalls für die Anpassung oder Verfeinerung der Schwerpunkte innerhalb eines gemeinsamen Projekts. Die Stiftung setzt das Assessment nicht zur Bewertung im Sinne einer Prüfung ein, sondern als Instrument, um den Dialog und das gemeinsame Lernen zu fördern. Sie unterstützt damit ihr Bestreben, ihre Mittel zielgerichtet und effektiv im Sinn des Stiftunsgzwecks und der Theories of Change einzusetzen. Für eine Zusammenarbeit mit potenziellen Förderpartnern ist nicht der Stand im Lokalisierungsprozess entscheidend, sondern vielmehr deren Offenheit, Veränderungen mitzutragen und mitzugestalten.

Die Somaha Stiftung stellt das Lokalisierungs-Assessment allen Interessierten frei zur Verfügung. INGOs und LOs können davon profitieren, um eine Standortbestimmung ihrer Beziehung vorzunehmen, Bedürfnisse zu formulieren oder die Zusammenarbeit strukturiert weiterzuentwickeln.

Auch Geldgeber und weitere Akteure können das Tool nutzen, um zu reflektieren, wie sie dazu beitragen können, LOs zu stärken und damit ihre eigene Fördertätigkeit effektiver und nachhaltiger auszugestalten.

Bei Interesse stellen wir Ihnen das Lokalisierungs-Assessment gerne zur Verfügung.
Bitte kontaktieren Sie uns hierzu per E-Mail an office@somaha-stiftung.ch.